11.06.2010  00:20  Alter: 2 yrs
Von: Steffen Grimm
5 Kommentare

Quo vadis DFB?

Ein Kommentar zur Lage des deutschen Vereinsfußballs von Steffen Grimm aka Kleiner Grimm. Diese muss ganz schön schief sein, wenn ein Traditionsverein nach dem anderen vor die Hunde geht während auf der anderen Seite kommerzieller Humbug wie Hoffenheim oder bald Leipzig nicht mehr aus der Bundesliga rauszukegeln sind.


Was wird kommen? Quo vadis DFB?

 

Lieber und geschätzter KSC, sieh bloß zu, dass du sportlich in nächster Zeit NICHT absteigen musst. Denn dann wird leider auch für dich das Licht aus sein. Gründe dafür?

Was braucht heutzutage ein Verein, um in den ersten drei Ligen Fußball spielen zu können?

1. Einen Mäzen. (Hoppenheim)

2. Ein Wirtschaftsunternehmen. (Golfsburg, RedBull, Audi, etc.)

3. Eine Lobby im deutschen und internationalen Fußball, durch die auch der Rubel rollen kann. (St. Pauli)

4. Eine Lobby bei bedeutenden und finanziell „mächtigen“ (nichtgleich „Starken“) Stadt- und Regionalpolitikern. (Klautern, Düsseldorf, Bielefeld)

5. Eine Investmentgruppe von diversen Unternehmen aus der Region. (Augsburg)

6. Einen seit Jahren gesicherten Platz in diesen Ligen. Hierdurch wurden kleinere und größere Sponsoren an Land gezogen, die einen freien Fall in diesen Spielklassen zwar verhindern, allerdings auch nicht mehr. (Sonstige)

Hinzu kommen natürlich weitere Faktoren. Bei finanziell nicht allzu gut dastehenden Vereinen ist eine funktionierende Jugendabteilung das wichtigste Fundament.

Um allerdings in diese Sphären des deutschen Profifußballs vorstoßen zu können, reichen heutzutage gute Jugendfußballer nicht mehr aus!
Die jungen und guten Kicker gehen nämlich lieber zu einem der knapp 30 zweiten Mannschaften in den ersten drei Profiligen und spielen vor 50 zahlenden Zuschauern. Halten kann man diese Talente nicht. Ob sie überhaupt den großen Sprung schaffen sei dahingestellt, aber den „kleinen“ Vereinen fehlen sie und das können diese nicht kompensieren.
Welchen Sinn hat es, dass man die dritte Liga „professionalisieren“ möchte? Die Anforderungen von DFB/DFL sind schon in der Regionalliga so hoch, dass es hierbei (ohne eins der oben genannten Tatsachen) eigentlich unmöglich ist, den Sprung nach oben zu schaffen. Welche Vereine schaffen denn noch den Sprung, den großen Sprung in die dritte Liga? Unter dem Gesichtspunkt des sportlichen Wettbewerbs betrachtet sind die gesamten Ligenreformen der letzten Jahre ein kompletter Witz.
Im Norden z.B. haben die meisten Clubs wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit keine Lizenz beantragt – zumal das Lizenzverfahren selbst ja ebenfalls teures Geld kostet. Teilweise steigt erst der Dritte oder schlechter Platzierte in die Regionalliga auf.
Gerade Düsseldorf ist ein ganz schlechtes Beispiel. Fortuna wurde zweimal über die Lizenzierungsbedingungen "nicht abgestiegen" (weil angeblich Dokumente des unmittelbaren Abstiegs-Konkurrenten Sekunden zu spät beim DFB eingingen) und "aufgestiegen" (weil Velbert, der Erstplatzierte, keine Lizenz beantragt hat - wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit).
Die Stadt Düsseldorf (OB Erwin) hat die Fortuna massiv unterstützt, am Rande jeglicher Legalität - bis hin zur Regierungskrise.
Während des Stadtionbaus wurden teilweise keine Steuererklärungen abgegeben, einer der skurrilen Höhepunkte: die (alte) Betreibergesellschaft und der neue Gesellschafter haben sich mit Hilfe von angeheuerten Security-Mannschaften gegenseitig den Zutritt zum Stadion/Büros verwehrt.
Was die letzten zehn bis fünfzehn Jahre in Düsseldorf im Zusammenhang mit der Fortuna stattgefunden ist, war alles andere als seriös und vielleicht gerade deshalb sind sie jetzt dort, wo sie jetzt sind. Die Düsseldorfer-Begebenheiten sind geradezu exemplarisch, wie mit zweierlei Maß seitens DFB/DFL gemessen wird und wie seriöse und unseriöse Arbeit bewertet wird. Und hierzu sind gerade auch in Liga eins und zwei einige „Vereine“ zu nennen.

Die „neue“ Ligareform ist kaum realisiert, schon werden Fernsehgelder für die unteren Ligen wieder gekürzt, zumal die Vereine keine eigenen Fernsehbilder produzieren/selbst vermarkten können – der DFB/DFL ist der alleinige Rechteinhaber.
Wie sollen denn Vereine mit vielleicht 90.000 Euro Fernsehgelder und einer Handvoll Zuschauer wirtschaftlich arbeiten können? Die Zuschauer kommen gegen zweite Mannschaften nicht in die Stadien, solange es nicht irgendwelche „Derbys“ sind. Und sind wir doch mal ehrlich, wer war denn hier schon mehr als zwei Mal pro Saison bei der Zweiten?
Gleichzeitig werden weitere (strengere) Auflagen für die unteren Ligen bestimmt: Flutlicht (mit bestimmter LUX-Anforderung für die fünfte Liga, sofern abends gespielt werden soll), Rasenheizung, Umbauten für größere Kapazitäten/Sicherheitsbestimmungen, TV“Flash“-Zonen, Presse-Arbeitsplätze, nicht zu vergessen: eine Anzahl an reservierten Ehrengäste-Kontingenten für den DFB/DFL, etc.. Dies sind Anforderungen für die REGIONALLIGEN. Bei den zweiten Mannschaften kein Problem, die schwimmen im Schwimmbad der großen Brüder mit.
Wie sollen die Vereine, gerade in den unteren Ligen, überhaupt wirtschaftlich planen können, wenn die Regeln ständig kurzfristig geändert werden. Ebenso kurzfristig mal eben das zusätzlich benötigte Geld beschaffen?
Wieso bestraft man Verfahrensfehler in der Lizenzierung noch zusätzlich mit Geldstrafen, wieso erlässt man keine Lizenz mit Bedingungen oder unter Beobachtung und unterstützt Vereine, die sich gerade Konsolidieren, mit sicherlich vorhandenem Know-How seitens des DFB/DFL?

Einzig die sportliche Durchlässigkeit leidet an den bisherigen Reformen (wieso gibt es z.B. keine Relegation in den Regionalligen) und so ist es wohl abzusehen, dass die üblichen Verdächtigen innerhalb der aktuellen Strukturen und Anforderungen nun mehr für alle Zeit unter sich bleiben, oder wie es einer meiner Vorschreiber geschrieben hat: wer im fahrenden Zug fährt bleibt dabei.
Alles andere ist nur Zufall und kein attraktiver, sportlicher Wettbewerb mehr.

Und um nochmals ehrlich und deutlich zu werden: ein Mal in den Teufelskreis gerutscht und keiner der oben genannten Faktoren ist bei dem Verein, dann ist Aus die Maus.

Mir, als FUßBALL-Fan, blutet das Herz.

Um den Faden vom Anfang noch „rund“ zu spinnen, der KSC darf niemals absteigen. Denn, er hat weder Lobby in der Stadt, noch bei den regionalen, großen Wirtschaftsunternehmen. Und dann? Dann wäre ein weiterer Beiträger zur Fußball-Kultur in Deutschland von der Bildfläche.

Sehr gut gemacht, die Herren der DFL und des DFBs.

Schade.



Kommentare

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jobi

Dienstag, 21-09-10 17:01

@kleiner grimm: man hat 11 millionen Symphatisanten, und das ist von einem meinungsforschungsinstitut zum anderen auch mal ganz schnell ne andere zahl, wie gesagt, man koennte 10mio trikots verkaufen, der verein wuerde da nicht viel dabei verdienen.....

und das argument mit "gesponsert von deiner gez-gebuehr" also im uebertragenen sinne Emoticon, kann ich so auch ned stehen lassen. die fernsehlotterie ist ein voellig autark gefuehrtes unternehmen, und hat nicht wirklich was mit der ard an sich zu tun, ist ein sponsor wie jeder andere auch......

 

KleinerGrimm

Mittwoch, 23-06-10 12:42

Jobi, da sag ich nichts gegen.
Allerdings hat nicht jeder Verein knapp 11 Mio Anhänger über ganz Deutschland verteilt und nicht jder Verein wird vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen (wenn auch ARD-"Fernsehlotterie") mit knapp 3,5 Millionen Euro unterstützt!

 

KleinerGrimm

Freitag, 11-06-10 15:03

Nicht vergessen ist die Unfähigkeit und Beschränktheit von den zuständigen "Funktionären" beim Chaos-Verein SVW!
Grüße

 

Axel Dangerfreak

Freitag, 11-06-10 14:18

Danke für die beiden ausführlichen (und guten) Kommentare!

 

Jobi aus Stuttgart

Freitag, 11-06-10 09:44

hey kleiner grimm,
wirklich sehr guter und fundierter kommentar zur lage oder besser gesagt schieflage die sich da momentan im deutschen fussball auftut... trotzdem moechte ich als gluehender und jahrzehntelanger st.pauli fan kurz was zu deinem punkt 3 schreiben, der da heisst "
Eine Lobby im deutschen und internationalen Fußball, durch die auch der Rubel rollen kann. (St. Pauli)"

dass der fc st.pauli momentan so gut dasteht wie noch nie, ist ein ergebnis aus harter und weitsichtiger arbeit, gepaart mit glueck (dfp-pokal halbfinale) und der retterkampagne anno 2002. ohne diese beiden begebenheiten wuerde der verein heute ebenfalls im niemandsland der 5. liga rumgurken, gegen vereine concordia hamburg und altona 93.

der rubel "rollt" noch lange nicht wirklich bei st.pauli, die merchandise-rechte sind noch ueber jahrzehnte an die upsolut gmbh "verpfaendet", die wiederum einem franzoesischen grosskonzern gehoert. von einem shirt mit dem totenkopf zum beispiel, bleiben kaum 50 cent beim verein liegen.

das einzige projekt, was ueber die naechsten jahre wirklich geld in die kassen bringt, ligaunabhaengig ob 1. oder 2, ist der von littmann angestossene stadion-neubau, der sich praktisch durch die treue der fans selbst finanziert. allerdings wird hier eben auch ein spagat gegangen, von dem ich selbst noch nicht absehen kann, wo der hinfuehrt.... logen und business-seats will eigentlich niemand am millerntor, oder sagen wir besser mal die "basis". allerdings muss man sich damit arrangieren, da sowas eben zum "modernen" fussball gehoert, und diese sitze und logen nunmal das geld bringen...

kurzum, ich will damit sagen, der rubel rollt noch lange nicht, st.pauli kann mit keinem verein in liga 1 finanziell mithalten, das einzige gut was man hat, ist eine grundsolide wirtschaftliche basis, der verein schreibt schwarze zahlen, kann aber nicht annaehernd solche gehaelter zahlen wie es andere vereine machen. und hier kommt unser zweites pfund ins spiel.... das team von trainern, sportdirektor und finanzchef betreuern, sprich allen funktionaeren bis hin zum praesidium, sind allesamt ueber jahre hinweg mit dem fc st.pauli emotional verbandelt. keiner von den herren die den verein lenken wollen ihn wieder so gegen die wand fahren wie anno 2001 beim letzten aufstieg, bei dem man unfassbare 15 neue spieler geholt hat und dafuer geld rausschmiss das man nicht hat.

laechel, der rubel wird vielleicht irgendwann mal rollen, wenn sich mein traum vom ersten internationalen pflichtspiel irgendwann erfuellen sollte, momentan leider noch nicht. die mehreinnahmen in liga 1 werden fast ausschliesslich in steine anstatt beine investiert, das neue trainingszentrum wird dieser tage angefangen, die haupttribuehne wird bis zum anfang der runde stehen. infrastruktur aller orten, so dass der verein auch in zukunft minimum in liga 2 spielen kann, wo meiner ansicht nach eigentlich auch unsere angestammte heimat ist Emoticon.... ich lasse mich da aber die naechste saison gerne eines besseren belehren...

so, sorry fuer den exkurs, aber ich wollte da eben ein paar worte zu sagen.

jobi

 
   
 

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